Ralf Ruhl im Gespräch mit Hendrik Bicknäse
- Hendrik Bicknäse

- 21. Juni 2021
- 9 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 29. Dez. 2025
Mit „Himmel, Hölle und andere Reiseziele“ hast du im Verlag Atelier im Bauernhaus gerade einen neuen Band mit Gedichten und Essays veröffentlicht. Du bist bereits seit vielen Jahren in den verschiedensten literarischen Genres aktiv. Wo liegen die literarischen Wurzeln, wie waren deine Anfänge?
Während meiner Schulzeit, die ich in Hannover und anderen Orten in Niedersachsen verbrachte, habe ich viel gelesen und am Ende dieser Zeit stellte ich mir als Jugendlicher schon manchmal vor, Journalist oder Schriftsteller zu werden oder etwas im weitesten Sinne mit Literatur und Kultur zu tun zu haben. Die ersten Gedichte, die mich beeindruckten, waren die von Else Lasker-Schüler und anderen Dichtern des Expressionismus. Mit sechzehn Jahren begann ich Erzählungen und Gedichte sowie Reiseberichte von meinen weiten Reisen zu schreiben, die ich mit wenig Geld und häufig allein per Anhalter unternahm.
Dann, in den 70er Jahren, war es der deutsche Underground, der mich faszinierte: Da war eine ganze Landschaft von Stadtzeitungen und Literaturzeitschriften entstanden, von Kleinverlagen und einer Gegenkultur, an der ich mehr und mehr teilnahm. Ebenso an der Idee einer Gegenbuchmesse seit 1977, die durch die AGAV (Arbeitsgemeinschaft alternativer Verlage und Autoren) in Frankfurt/Main zeitgleich mit der grossen Frankfurter Buchmesse begründet wurde. Hilmar Hoffmann, damaliger Kulturdezernent in Frankfurt/Main, war ein tüchtiger Wegbereiter in dieser Sache.
Deine Eltern waren Lehrer, deine Großmutter hat Gedichte und Theaterstücke vor allem in der Zeit der Weimarer Republik geschrieben. Du hast begonnen ihre Werke herausgegeben. Stammst du aus einer literarischen Familie?
Väterlicherseits gab es früher überwiegend Landwirte an der Weser zwischen Hannover und Bremen und mütterlicherseits Chemiker und Juristen aus Berlin und Mecklenburg. Meine Großmutter blieb als Schriftstellerin die Ausnahme. Von ihr kamen jedoch Anregungen zum Schreiben. Seien es Erinnerungen oder Briefe. Es wurde in der Zeit der deutschen Teilung viel geschrieben. Hin wie Her. Die mütterliche Verwandtschaft lebte in Mecklenburg und mit viel Post und seltenen Besuchen wurde diese Verbindung aufrecht erhalten und intensiv gepflegt.
Du warst mehrfach verheiratet und bist sehr unterschiedlichen Tätigkeiten in verschiedenen Ländern nachgegangen und hattest im Laufe Deines Lebens mehrere eigene Firmen und Unternehmen in verschiedenen Ländern gegründet, in Deutschland, aber auch in Polen, Italien und Russland warst Du aktiv.
Die erste Ehe schloß ich 1971 mit Irlana aus dem Veneto. So kam ich frühzeitig in Kontakt mit den Eisleuten, die damals ganz überwiegend aus dem goldenen Dreieck Cortina d’Ampezzo – Vittorio Veneto – Conegliano oder Belluno kamen. In den armen Bergdörfern in den Dolomiten hatten sich die Menschen schon seit einigen Generationen auf das Eismachen und den Betrieb von Restaurants im Ausland spezialisiert. In Europa wie auch in Argentinien, haben sie Geschäfte gegründet und lebten vom Frühjahr bis zum späten Herbst im Ausland zumeist bei zwölfstündiger Tagesarbeit, sieben Tage die Woche. Nur während der Wintermonate kamen sie für einige Monate nach Italien und warben in dieser Zeit neues Personal in den armen Bergdörfern für die kommende Saison an.
So auch die Familie meiner Frau, bei der ich alles rund ums Eismachen erlernte. Da ich ganz ordentlich im Planen und Organisieren war, half ich, eine ganze Reihe von Eiscafés zu finanzieren, zu bauen und anschließend entweder zu betreiben oder zu verkaufen. Meine Maggiore Ladenbau GmbH war die erste GmbH mit der ich an verschiedenen Standorten in Wolfsburg, Hamburg, Osterode, Duderstadt, Northeim und Göttingen Eiscafés errichtete und diese später weiter verkaufte.
Diese Ehe schloss ich offenbar zu früh. Sie hielt nur kurz: drei Jahre. Während unseres gemeinsamen Studiums an der Göttinger Universität und auch nach der Scheidung lebten wir jedoch noch etwa zehn Jahre miteinander und halfen einander weiter, wirtschaftlich und in jeder Hinsicht.
Eine sehr glückliche Ehe führte ich später mit Maryla, meiner zweiten Ehefrau. Eine Chemikerin, die aus Polen nach Deutschland gekommen war. Wir gründeten 1989 in Polen eine Gesellschaft, welche Bauchemie produzierte: Acryllacke und Lasuren, Speziallacke, Klebstoffe und Dispersionen, welche bis dahin in Polen noch nicht oder mit anderen, schädlicheren Eigenschaften hergestellt wurden. Unsere Produkte wurden in Polen vertrieben, ebenfalls in Rußland, wohin ich dadurch in den desolaten 90er Jahren sehr häufig reiste und viele Städte bis zum Ural kennenlernte.
Das Wichtigste am polnischen Leben war für mich das wirkliche und einfache Leben auf dem Lande, welches wir zusammen mit den Schwiegereltern in schönster Harmonie in einem Dorf bei Swidnica - früher Schweidnitz in Niederschlesien -, führten. So etwas an Einfachheit und Schönheit im Mehrgenerationenhaus hatte ich zuvor nie erlebt und mir nicht vorstellen können, wie Menschen sehr angenehm und unaufgeregt zusammen leben können.
Die Menschen, die Sprache und die Kultur nicht abgehoben oder an einer Universität kennenzulernen, sondern mitten im Leben, das hat mich inspiriert. Und wie zuvor in den Wintermonaten in Italien hat es mir den familiären Alltag und nun die polnische Sprache und Kultur sinnlich nahegebracht. In meinem Herzen ist die polnische Freundlichkeit und Wärme sehr lebendig. Dort fühle ich mich weiterhin wohl.
Leider starb Maryla an ihrer Krankheit viel zu früh.
Später lernte ich durch meine Arbeit mit der Gesellschaft für Kulturaustausch und durch meine Neugier auf ein mir unbekanntes Land, welches damals kaum jemand kannte, Rima 2007 in Moldawien kennen. Wir heirateten bald darauf. Uns verbindet ebenfalls die Lust am einfachen Leben und ein wundervoller Humor, und uns trennt ein großer Altersunterschied. Wie üblich bei heutigen jungen Frauen ist auch sie sehr ehrgeizig. Wir haben uns im Laufe der Zeit Immobilien zugelegt, die sie inzwischen als Fachfrau verwaltet und betreut.
Du warst lange Zeit Vorsitzender der Gesellschaft für Kulturaustausch in Göttingen. Ist Völkerverständigung für dich ein wichtiges Thema? Und inwieweit hat diese Internationalität dich und dein Leben beeinflusst?
Andere Sprachen, Länder und Kulturen haben mich frühzeitig interessiert. Dies war prägend für den weiteren Verlauf meines Lebens. Daher auch 1985 die Gründung der Gesellschaft für Kulturaustausch, die sich für Kunst und Völkerverständigung durch Kulturaustausch einsetzt. Längere Zeit war ich Vorsitzender der Gesellschaft und habe mit Künstlern aus verschiedenen Ländern eine ganze Reihe von Kunstausstellungen kuratiert. Meine Kontakte und Sprachkenntnisse halfen dabei. Auch das Auswärtige Amt, Städte und Landkreise haben als Mitglieder mit Zuschüssen verschiedene Reisen und Unternehmungen in einige Länder gefördert oder mitfinanziert.
Mitte der 60er Jahre hattest du frühzeitig Kontakte in die damalige DDR. Bis in die späten 60er Jahre waren offizielle Kontakte zu DDR-Behörden und Einrichtungen verboten. Sogar Kontakte zu dortigen Behörden wurden als „landesverräterische Beziehungen“ verstanden und standen bis 1968 unter Strafe. Gab es dahin besondere Verbindungen?
Als bis dahin unbescholtener und aufgeweckter junger Mensch mit damals bereits großem Interesse an gesellschaftlichen und politischen Fragen meinte ich die spürbar kommende Ostpolitik bereits vorwegnehmen zu können. Gemeinsam mit unserem damaligen evangelischen Pastor und Wolfsburger Industriediakon (er wurde in einem anderen Verfahren verurteilt) unternahmen wir bereits in den frühen 60er Jahren Reisen zu Wochenendseminaren in das nahe Berlin und Ost-Berlin und hörten dort auf beiden Seiten zu verschiedenen Themen Vorträge. 1966 wurde ich, als damals 19-jähriger, zu vier Wochen Jugendarrest verurteilt wegen „landesverräterischer Beziehungen.“
Dies geschah in geheimer Verhandlung „unter Ausschluß der Öffentlichkeit“, wie es offiziell hieß vor dem OLG Celle ohne Anrechnung der bereits erlittenen Untersuchungshaft 1966 im uralten Gefängnis im Schloß Celle. Die vorangegangene Untersuchungshaft betrug insgesamt etwas mehr als fünf (!) Monate.
Nachdem Willy Brandt mit der Maxime Mehr Demokratie wagen die Regierung übernommen hatte, wurde das offizielle Politik, was bis dahin unter Strafe stand. Es trat unverzüglich das Straffreiheitsgesetz am 01.10.1968 in Kraft und der § 100 e StGB wurde ersatzlos gestrichen. Unter landesverräterischen Beziehungen wurde bis dahin alles eingeordnet, was nur Kontakt zu Organen des DDR-Staates bedeuten konnte, jedoch keineswegs Landesverrat bedeutete.
Leider wurde später, nach dem Jubeljahr 1989/90, niemals auch nur am Rande diese Vergangenheit debattiert, dass auch in der alten BRD Menschen aus eingeengter politischer Sicht in Haft gekommen waren, die keineswegs Landesverrat begangen hatten, sondern lediglich „Beziehungen“ aufgenommen und evtl. unterhalten hatten. Jahrzehntelang wurde allein über den Unrechtsstaat DDR schwadroniert. Die Bundesrepublik Deutschland hat sich einäugig mit stets weißer Weste präsentiert. - Meine damaligen Richter am OLG waren vielleicht nicht alle alte Parteigenossen gewesen, aber doch sehr wahrscheinlich hatten sie als hohe Richter bereits vor 1945 dem NS-Staat treu gedient.
Du hast lange und an mehreren Orten in Italien gelebt, zuletzt am Lago Maggiore. Italienisches Flair klingt in deinen Gedichten bisweilen an. Was macht deine Italien-Faszination aus, wie schlägt sie sich in deinem Schaffen als Schriftsteller nieder?
In den 70er Jahren war Italien für mich politisch überaus interessant. Das Bild von damals hat sich indessen stark verändert und begann bereits Mitte der 80er Jahre mit dem Beginn der Privatsender - überwiegend im Eigentum von Berlusconi -, zu erodieren. Eine vormals gesellschaftlich interessierte Nation begann sich vor den Fernsehschirmen einzurichten und Werbung, Werbung und nochmals Werbung mit billiger Unterhaltung zu konsumieren. Das war neu. Es begann deutlich früher als in Deutschland, und es war beunruhigend eine sich stark verändernde Gesellschaft zu erleben.
In Italien hatte ich in Milano und Rom mancherlei Kontakte zu Kulturschaffenden. Mit ihnen oder über sie habe ich Hörspiele produziert. So auch mit Dario Fo und Franca Rame oder über die Bomben auf der Piazza Fontana, die fälschlicherweise von rechten Kreisen dem Anarchisten Pietro Valpreda in die Schuhe geschoben wurden. Es dauerte lange bis sich die Wahrheit schließlich durchsetzte. Italiens wilde Jahre habe ich miterlebt und verschiedene Interviews auch mit Menschen geführt, die clandestin im Untergrund lebten. Das machte mich ebenfalls verdächtig.
Worum ging und geht es Dir in Deiner Literatur und wo siehst du die Verantwortung der Literatur?
Den Tisch der vor mir ausgebreiteten Landschaft der imaginären Literaturgeschichte wollte ich freiräumen und in diesen Freiräumen mich unbekümmert bewegen. Auch wenn ich selbst keineswegs unbekümmert war, wollte ich in meiner Literatur wenigstens so erscheinen. Hinter dieser Art von Texten konnte ich verschwinden, ähnlich dem Reiter im Western, der hinterm Horizont das Bild verläßt. Literatur musste intim rezipierbar sein – insbesondere die Lyrik gewann hier Rang als Gegenstand subjektiven Erlebens. - Die Abwendung von der chiffrierten Sprache in der Lyrik begleitete mich. Das führte in den 70er Jahren politisch zu Teilnahmen am Häuserkampf, zu vielfältigen Debatten der unterschiedlichsten politischen Gruppierungen. Darin, was sich am besten, am leichtesten in Literatur ummünzen ließ, wollte ich mich nicht einrichten. An Orten fühlte ich mich angekommen und beheimatet, wenn ich ihnen meine Gedichte abtrotzen oder entgegenhalten konnte. Dafür mußte ich nicht in die Ferne reisen. Meine Umgebung war mir Stoff genug.
Dann erschien mir mein Dasein vollständig zu sein, wenn ich unwiderstehlich direkt das Abenteuer Dichtung gebrauchen konnte, jenseits aller kultivierter oder existenziell verbrämter und verschlüsselter Lyrik. Hereinströmen sollte durch mich das, was nicht hineindarf. Eine Lücke sein im Zaun der Welt. Blühen im Eis der Gegenwart.
Der Expressionismus hatte ausgedient, und Paul Celan und all seine Begleiter und Begleiterinnen sollten geehrt ruhen dürfen. Den Titel meines ersten Gedichtbandes „Spinnfäden für brechende Köpfe“ empfand ich damals als Versuch, den eigenen Ton in der Lyrik zu finden, als eigenen angestrebten Brutalismus wie in der Architektur. Nicolas Born, der mir damals mehrfach aus dem Wendland schrieb, empfahl roh und unartifiziell zu schreiben. In der PopArt entdeckte ich neue Anfänge, was aus der Kunst einen Angriff oder Affront machte: keine Reime, weder blumige noch exotische Metaphern, nix metrische Formen, alles unaufwendig, aber sehr sinnlich und geradeheraus, die radikale Subjektivität. So unterschiedliche Autoren wie Peter-Paul Zahl und Peter Schütt, und auch Ingeborg Drewitz bestärkten mich auf diesem Weg. Mein VS-Kollege und Germanist Burckhard Garbe, mit seinem Lyrik-workshop an der Göttinger Universität soll als sprühender Ideengeber hier nicht vergessen werden. Er hat uns Studenten gute und konkrete Gedanken mit seiner eigenwilligen konkreten Poesie vermittelt.
Manche Meinungsmacher, die nun öffentlich mit dieser Art umgingen und sich damit in Feuilletons ohne Gespür für poetisch Neues auseinandersetzten, schrieben bisweilen das Ende der Literatur herbei. Ich wollte, ganz im Gegenteil, die Lyrik erneuern, indem ich ihr das religiös Verbrämte, das Weihevolle nahm und sie hereinholte in unser tägliches Tun und in das bisweilen turbulente Geschehen um mich her.
Heute weiß ich, dass es mir in meinen Gedichten immer um etwas geht, das mir gehören soll, nur schwer mit vielen anderen Teilbares, so sehr ich die Teilbarkeit von Erfahrungen gegen alles Verdunkelnde und Verrätselte betont habe und so sehr es mich verdrießt, dass ich, indem ich auf Leser zuschrieb, auch Leser ausschloß, sogar Freunde und meine Frau. Ich habe ihr Manches zugemutet im Abenteuer der Dichtung, wo die Überraschungen zünden, die ich von mir und für mich erwarte, wenn ich auf dem weißen Blatt ins Offene vorstoße, während mich nichts mehr langweilt, als nur das aufzuschreiben, was ich schon weiß. Dennoch muss ich mitteilen und aussprechen, wie gut es mir heute geht:
Sag etwas aus deiner Fülle und erzähle, / dass du keine Schmerzen hast, / nicht am Knochen nagst, / die Konten aufblühen, dass du / frei bist zu tun und zu lassen, / und dass alles ein jähes Ende haben wird. //
Unlängst las ich diese Zahl: Nur noch fünf Prozent der Bevölkerung in Deutschland lesen Bücher. Nützt es daher überhaupt etwas, sich als Literat gesellschaftlich zu Wort zu melden?
Die Zahlen unterscheiden sich recht deutlich, je nachdem, wer Aussagen in Auftrag gibt. Im letzten ‚buchreport‘ lese ich dieser Tage die Meinung der Verlage: „Allen Unkenrufen zum Trotz ist das Buch nicht tot. 61 Prozent der Deutschen schmökern regelmäßig in Belletristik oder Sachbüchern, nur eine Minderheit von 13 Prozent liest überhaupt nicht. Allerdings ist ein Abwärtstrend zu erkennen: während bei den 50-59-Jährigen 28 Prozent täglich oder fast täglich lesen, sind es bei den 18-29-Jährigen nur noch 15 Prozent. Des Weiteren zeigt sich ein klares Einkommensgefälle: Während über die Hälfte der Geringverdiener mit einem Haushaltsnetto-einkommen von unter 1.800 Euro selten oder nie zum Buch greift, trifft dies nur auf ein knappes Drittel der Personen in den Einkommensklassen ab 5.000 Euro zu.“
Wenn Du schon als Kind oder Heranwachsender mit Büchern und Bücherschränken aufgewachsen bist, in denen Du schmökern konntest, hast Du in Deinem Leben entscheidende Vorteile. Und wem als Vorschulkind viel vorgelesen wurde und wer frühzeitig ans Lesen herangeführt wurde, der wird auch zukünftig beim Lesen viel Freude haben.
Dem Leser ist das Buch eine wahre Heimat und eine Bibliothek ist das Paradies auf Erden. Das hat sich nicht geändert.





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