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Es gibt mehr als nur eine Zukunft

Allgegenwärtig ist der neue Ton aus der KI-Branche anzutreffen. Ihre Propheten verwenden den Jargon der Unvermeidlichkeit. Auf allen Ebenen begegnet er uns: in ökonomischen Analysen, unternehmerischen Prognosen, politischen Reden, technologischen Visionen, ebenso in Alltagsgesprächen. „Es gibt keine Alternative“ lautet die Formel, die suggeriert, Notwendigkeit lenke unser Schicksal. Dem neuen Ton, so scheint es, kann niemand entkommen.


Der Ton ist gesetzt. Die neuen Propheten aus Silicon Valley verwenden den Jargon, um den Weg zu ihren bevorzugten Zielen zu ebnen. Nachhaltigkeitsdenken und politische Systeme mit Regulierungsfunktion erscheinen ihnen als Hindernisse im unaufhaltsamen Lauf der Dinge zur Weltherrschaft, die auf mancherlei Weise zu beseitigen oder zu überwinden sind. Einige nehmen den Abbau demokratischer Strukturen in Kauf, indem sie postulieren, Politik müsse sich der technologischen Dynamik unterordnen. Sie behaupten, diese allein verleihe den Ingenieuren und Investoren des Silicon Valley ihr weltgeschichtliches Mandat.


Der Jargon der Unvermeidlichkeit beruht auf einem grundlegenden Denkfehler: der Verwechslung von Modell und Wirklichkeit – oder, wie man sagt: Die Landkarte ist nicht die Landschaft. Dieser Fehler gehört sozusagen zur kognitiven Ausstattung des Menschen. Wenn wir denken, folgen wir bestimmten Regeln, womöglich „zwingenden“. Sie suggerieren: Wenn Du A und B annimmst, folgt daraus zwangsläufig C. Diese Notwendigkeit ist aber ein Merkmal des Modells, nicht der Wirklichkeit. Sie ist ein Resultat der Simplifizierung. Auf der Landkarte können wir zeigen, dass eine gerade Linie A und B verbindet. In der Landschaft ist das vielleicht ein falscher Weg.


Soziologisch gesehen ließe sich sagen: Fachleute, Banken, Regierungen, Rating-Agenturen bildeten so etwas wie eine narrative Gemeinschaft, die den Jargon der Unvermeidlichkeit pflegt und auf Abwege geriet, weil sie Schönheit in Formeln und beeindruckend aussehende mathematische oder ökonomische Modelle mit Wahrheit verwechseln.


Der Jargon der Unvermeidlichkeit eignet sich gut, die politische Debatte durch angebliche Sachzwänge abzuwürgen – durch den Jargon der Unumstößlichkeit. Hannah Arendt schrieb , dass „jede Tatsachenwahrheit jede Debatte ausschließt“. Ja, das klingt verrückt, aber sie meinte damit, dass „die Diskussion, der Austausch und Streit der Meinungen (…), das eigentliche Wesen allen politischen Lebens (ausmacht)“. Die Aussage „Fakt ist, dass…“ erweist sich oft als argumentative Keule: „Halt den Mund, du hast bloß eine Meinung.“ Man führt sich als Anwalt der Sache auf, dabei ist die „Sache“ nichts anderes als die unbedachte Verfestigung der eigenen Meinung. Diese Form der Behauptungen, wonach sich jede weitere Debatte verbot, wurde während der Ampelregierung in Deutschland besonders augenfällig.


Nur schon das Wort „künstliche Intelligenz“ demonstriert jetzt beispielhaft, wie wir einen menschlichen Begriff auf Maschinen übertragen und dann deren Algorithmen als eine autonome Macht interpretieren, die uns unvermeidlich übertreffen und dominieren wird. Dabei sind es Menschen mit ihren Machtinteressen, die diese Entwicklung äußerst robust vorantreiben.


Jargonkritik bedeutet, die Verhexung zu entlarven – und damit den Blick nicht nur auf die „Verhexer“ zu lenken, sondern zugleich auf andere Zukunftsmöglichkeiten, die durch das Gewicht vermeintlicher Notwendigkeiten verdrängt worden sind. Sie ermutigt uns, jene Intelligenzform zu kultivieren, die den Menschen auszeichnet: Möglichkeitssinn, nannte sie Robert Musil - denken, dass das, was ist, auch anders sein könnte.


Es gibt mehr als nur eine Zukunft, sagt die Imagination gegen den Jargon der Unvermeidlichkeit. Die apokalyptischste aller Schreckensvisionen wäre deshalb jene, in der wir Menschen unsere Imagination verloren haben – und sie nicht einmal mehr vermissen.


Göttingen, 16.01.2026

 
 
 

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